Die Sichtweite im Wrack der »Costa Concordia« habe, so berichtete einer der an Bord eingesetzten Taucher, gerade einmal einen Meter betragen. Da es sich um eine Information in den Hauptnachrichten im deutschen Fernsehen handelte, stand ich vor der unausweichlichen Überlegung, ob das wichtig sei. Und wenn es wichtig sei, ob für mich? Und wenn nicht für mich, für wen dann? Und dazu die Frage aller Fragen: Wie würde die Tatsache, dass man im Rumpf des halb gesunkenen Kolosses nicht nur diesen einen, sondern beispielsweise zwei Meter weit blicken könne, mein Leben verändern? Und dann natürlich: Wie weit sehen wir denn überhaupt über Wasser?
Die Abendnachrichten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gelten gemeinhin als das Neue Testament unserer Alltagskultur. Was darin vorkommt, kann als von allgemeiner Wichtigkeit gelten. Keine Angst, auch wenn die Fragen nach dem Für-wen und Weshalb nahe lägen – ich stelle sie nicht, sondern ich will mich dem Common Sense mit einem halbherzigen Ist-halt-so fügen. Wenn sich aber unterdessen meine Gedanken verselbstständigen, so muss ich sie gewähren lassen, denn sie sind frei. Auch das ist herrschende Ansicht.
Gesetzmäßigkeiten
Da ich aber meine Gedanken kenne, mit ihnen sozusagen vom täglichen Umgang her vertraut bin, möchte ich sie in dieser Frage nicht gern allein lassen. Wer weiß, wo sie sich hinbegeben werden. Werden sie am Ende in das Innere des großen Schiffes hinabtauchen? Doch nein, sie verraten mir gerade noch, dass sie das nicht weiter beschäftige: Man werde die restlichen Vermissten suchen und sie finden oder nicht, man werde den Treibstoff abzupumpen versuchen, und auch das werde gelingen oder nicht. Danach werde das Wrack geborgen oder es werde vor der Küste der Insel Giglio den untermeerischen Hang hinabrutschen. Und was dann? – Aber das ist eine neue Geschichte.
In Deutschland ist alles durch Gesetze geregelt. Fast alles, eines aber nicht: das öffentliche Interesse. Dieses darf sich wie in einem Supermarkt ohne Kassen selbst bedienen, und so frisst es sich mit ungezügeltem Appetit durch die Neuigkeiten der Welt und gibt dabei mitunter eine wenig anmutige Erscheinung ab. Am liebsten stürzt sich dieses öffentliche Interesse auf Zerstörungen aller Art. Besonders Katastrophen scheint es zu lieben.
Entertainment!
Welcher Art die Welt ist, die hierzulande in die Wohnzimmer einsickert, das erfahren wir durch die Fernseh-Einschaltquoten. Sie zeichnen mit der Akribie von Buchhaltern auf, wer was sieht. Und wir können uns sodann überlegen, warum wer was sieht. Ermittelt werden die Zahlen im Auftrag der »Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung« von einer Firma mit dem aufschlussreichen Namen »Gesellschaft für Konsumforschung« (GfK). Konsum, das bedeutet Verbrauch, und so versucht die GfK herauszufinden, was das Volk tagein, tagaus an Sendungen denn so verbraucht. »Den Verbraucher beobachten – den Verbraucher verstehen« lautet das Motto, und Gegenstand der Aufmerksamkeit ist der so genannte Homo sapiens in seiner Eigenschaft als Verbraucher. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine der Kernfragen der Philosophie nahezu abschließend beantworten: Was ist der Mensch? Ein Verbraucher.
Die neuesten Zahlen über das Verhalten der Fernsehverbraucher lassen nun darauf schließen, dass ein sinkendes Schiff von großem Interesse für diejenigen ist, die sich nicht darauf befinden. Wie anders wäre es zu erklären, dass eine viertelstündige Sondersendung im Ersten, die noch dazu erst um 22.49 Uhr beginnt, einen Marktanteil von 10,8 Prozent erreicht? Und das am gestrigen Mittwoch, fünf Tage nach der Havarie und nachdem wirklich alles schon gesagt war, dutzende Male, auf allen Kanälen, und mit flankierender Echtzeit-Berichterstattung im Internet? Die Antwort ist so bestürzend wie einfach: That’s entertainment!
Rechte und Pflichten
Kehren wir zurück zu den Gesetzen, die in unserem Land das Zusammenleben regeln. Diese Gesetze, sie fallen in die Hoheit der Bundesländer und kümmern sich auch um diejenigen, die uns mit der eben gezeigten Art von Unterhaltung versorgen, die Presse. So gibt es etwa das Bayerische Pressegesetz (BayPrG), und darin findet sich so allerlei, etwa, dass die Presse gegenüber den Behörden ein Recht auf Auskunft habe, dass ein verantwortlicher Redakteuer einer Zeitung seinen Wohnsitz »in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder in einem anderen Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum« haben müsse, was eine Zeitung »im Sinn dieses Gesetzes« sei und was »periodische Druckwerke« (nämlich »Druckwerke, die in Zwischenräumen von höchstens sechs Monaten erscheinen«).
Wozu brauchen wir die Presse? Das Bayerische Pressegesetz bringt im Artikel 3 etwas Licht ins Dunkel (und auch die entsprechenden Gesetze der anderen Bundesländer tun dies): »Die Presse dient dem demokratischen Gedanken.« Und: »Sie hat in Erfüllung dieser Aufgabe die Pflicht zu wahrheitsgemäßer Berichterstattung und das Recht, ungehindert Nachrichten und Informationen einzuholen, zu berichten und Kritik zu üben.« Immerhin!
Das Spektakel
Was sich in den Pressegesetzen nicht findet, ist ein Satz zum Ist-Zustand. Nirgends nämlich wird darauf eingegangen, dass die Presse für jeden offensichtlich dazu da ist, das Volk zu unterhalten. Nichts auch wird ausgesagt über das Ausmaß, in dem die kollektive Sensationslust mit Fakten und Bildern von Katastrophen und ihren Opfern geflutet werden darf. Denn dieses Ausmaß entzieht sich jeglicher Beurteilung; so könnte es ja sein, dass ein Verrutschen der »Costa Concordia« um ein, zwei Zentimeter für jemanden in Wanne-Eickel oder Ruhpolding tatsächlich von existenzieller Bedeutung ist.
Die Havarie des Kreuzfahrtschiffes vor der italienischen Küste ist zum Spektakel geworden, und ein ganzes Volk kann sich daran nicht sattsehen, wie es scheint. Die Blamage der bürgerlichen Gesellschaft vollzieht sich in der Grauzone der Stilfragen. Es lässt sich kaum mehr vorbringen, als dass sich so wenige, viel zu wenige, von der Präsentation dieses inszenierten Nervenkitzels abwenden.
Die Ausnahme
Oder dass offenbar niemand etwas dabei findet, wenn der Funkverkehr zwischen der Küstenwache und dem sehr früh von Bord gegangenen Kapitän des Havaristen in etwas flotter Übersetzung via Abendnachrichten an die Öffentlichkeit gelangt. Natürlich nicht, denn es gibt in Deutschland (und wohl auch in Italien, das sich in EU-Zeiten bezüglich der Gesetzeslage kaum mehr wesentlich unterscheidet), ein Gesetz, das diesen Sachverhalt zum Gegenstand hat, das Telekommunikationsgesetz (TKG), wo der Paragraph 88 (der sich dem »Fernmeldegeheimnis« widmet) festlegt: »(1) Dem Fernmeldegeheimnis unterliegen der Inhalt der Telekommunikation und ihre näheren Umstände […]«. Aber: »(4) Befindet sich die Telekommunikationsanlage an Bord eines Fahrzeugs für Seefahrt oder Luftfahrt, so besteht die Pflicht zur Wahrung des Geheimnisses nicht [Hervorhebung d. d. Verf.] gegenüber der Person, die das Fahrzeug führt oder gegenüber ihrer Stellvertretung.« Ein Freibrief für jeden investigativen Journalisten – allerdings muss man darauf erst einmal kommen.
Selbstverständlich bleibt wohl niemandem verborgen, dass ein Kapitän eines mit 4000 Menschen besetzten Vergnügungsdampfers keine gute Figur macht, wenn er jenen zuerst auf Grund setzt und sodann den Schauplatz seines millionenteuren Missgeschicks flieht oder glauben machen will, er sei bei den Evakuierungsmaßnahmen – was macht der Kapitän, der den Überblick übers Ganze behalten müsste, eigentlich direkt an einem Rettungsboot? – in ein Rettungsboot gestoßen worden und habe danach nicht mehr an Bord gelangen können. Aber ist es, wie die Presse durchscheinen lässt, die Angelegenheit der deutschen Öffentlichkeit, dies alles zu bewerten?
Im Katastrophenwarenhaus
Diese Öffentlichkeit gebärdet sich stets wie ein kleines Kind, das fügsam isst, was auf den Tisch kommt. Wir wissen das, jeder weiß das, und die Presse weiß es auch. Und diese Presse, die das weiß, woran orientiert sie sich bei der Auswahl ihrer Informationen und deren Präsentation? Am Informationswert der Nachrichten? Oder doch eher an deren Marktwert? An all den Informationen, die ihr die »Gesellschaft für Konsumforschung« einbläst?
Erste Schätzungen gehen davon aus, dass die Havarie des Kreuzfahrtschiffes die betroffene Versicherung eine Milliarde Euro kosten wird; sofern nicht noch Schlimmeres passiert. Niemand von denen, die auch diese Meldung als für unser Volk notwendig verbreitet haben, dürfte bis zum heutigen Tag nachgerechnet haben, welcher immense Gewinn in Form von Auflagensteigerung und zusätzlichen Zuschauerzahlen dieser Milliarde gegenüber steht. Nicht, dass das jemand tun sollte – ich will es wirklich nicht wissen. Ich sehe lediglich, dass in unserer ökonomisierten Welt auch Katastrophen im Grund nichts anderes sind als Waren, die man verkaufen kann – und die man, obwohl man diese Feststellung als zynisch indizieren mag, mit großem Eifer auch tatsächlich verkauft.
Nachbemerkungen
Es wird, vermutlich auch unter dem Eindruck wirtschaftlicher Bedrängnis, der die seriösen Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ausgesetzt sind, immer wieder der Begriff des »Qualitätsjournalismus« in die Debatte geworfen. Was zeichnet diesen besseren Journalismus aus? Dass er die niederen Instinkte der Leute konsequent ignoriert? Sehen wir selbst.
Die FAZ, gewiss kein Boulevard-Blatt, hat auf der Seite ihrer Online-Berichterstattung vom »Costa-Concordia«-Unglück einen unauffälligen Link platziert. Unter der Rubrik »Themen zu diesen Artikel« findet er sich: »Unfälle und Katastrophen«. Und wer darauf klickt, der stürzt kopfüber in ein journalistisches Gruselkabinett. Auf 128 Seiten (Stand heute, 13.45 Uhr) ist akribisch aufgelistet, was Menschen an Schrecken und Leid im Verlauf der letzten elf Jahre weltweit zugestoßen ist.
Es beginnt mit dem heutigen Tag (»Mann bei Reifenwechsel auf Autobahn getötet«), setzt sich fort über die aktuelle Meldung im Fall »Costa Concordia« (»Nach Schiffsunglück vermisste Deutsche meldet sich«) und endet mit dem 2. Januar 2001. Was war damals? Hier die Auflösung: »Wunderkerzen sollen Großbrand verursacht haben«. Schon vergessen? Das war in den Niederlanden, in einem Ort namens Volendam. Nie gehört? Was also wären wir ohne den Qualitätsjournalismus mit all seinen Datenbanken! Katastrophen als Waren – so sieht es im Lager aus.
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Ein Kommentar
Lieber Helmut,
genau! Ich lebe schon lange ohne Zeitung und Nachrichten. Das geht.
Und ich vermisse diese Negativbeflutung kein bisschen!! CIAO, Regina